Maria mit dem Beil

„Maria mit dem Beil? Nie gehört.“ – So hätte ich vor einiger Zeit noch geantwortet. Aber jetzt ist es anders.
Ich und 26 andere Teilnehmer waren nämlich bei einer Führung von unserem Dr. Paul Traxler über Mystisches, Mythisches und Makabres aus dem altem Wien.
Begonnen hat die Führung bei der Virgilkapelle in der U-Bahnstation Stephansplatz. Diese sechsnischige Krypta stammt aus dem 13. Jh. und wurde im Mittelalter von der Maria Magdalena geweihten Kapelle überbaut, von der die Umrisse im Pflaster des Stephansplatzes zu sehen sind. Die Virgilkapelle wurde 1973 im Zuge des U-Bahn-Baues wiederentdeckt. Weiter ging es zur Kirche der Franziskaner, welche dort ein Kloster 1589 von der Stadt Wien bekamen, in dem ehemalige Dirnen als Büßerinnen untergebracht waren. Am Hochaltar der Kirche befindet sich die bereits erwähnte „Maria mit dem Beil“ aus dem 15. Jh., von der mehrere hundert Wunderlegenden bekannt sind und die Zerstörungsversuchen in der Reformationszeit durch Verbrennen oder Zerhacken widerstanden haben soll. Übrigens: Die Hacke steckt in der linken Schulter der Statue.
Weiter ging es zum Alten Rathaus in der Wipplingerstraße, wo in einem Saal die Hinrichtung des Grafen Nadasdy durch Enthaupten – was ein Privileg der Adeligen der zum-Tode-Beförderung war – stattgefunden hat. Dabei soll der Kopf bis nahe zu den Zuschauern gerollt sein, während der Körper weiter im Hinrichtungsstuhl aufrecht blieb. Graf Nadasdy war ein ungarischer Magnat, der gegen den Kaiser konspirierte, nach dem Tode des Anführers seine Mitgenossen verriet und 1671 von Leopold I. zum Tode verurteilt wurde.
Die nächste Station war dann die Stanislauskapelle der Jesuiten in der Kurrentgasse. Stanislaus Kostka, ein polnischer Student, besuchte zusammen mit seinem Bruder die Jesuitenschule, wohnte im Haus eines Protestanten in der Kurrentgasse. Er erkrankte 1566 sehr schwer und – so die Legende – es wurde ihm die Heilige Kommunion durch Engelshand gereicht. Er gesundete und sein damaliges Wohnzimmer wurde zur reich mit Stuck verzierten Kapelle ausgestattet.
Nach einem weiteren Fußmarsch trafen wir bei der Michaelerkirche zusammen, wo wir eine eindrucksvolle Führung durch die in mehreren Jahrhunderten händisch errichteten und ausgedehnten Gruftanlagen hatten, in denen Bestattungen schon vor rund 600 Jahren stattgefunden haben und teilweise gut erhaltene mumifizierte Leichen zu sehen sind.
Über einen Abstecher zum leider nicht zugänglichen Herzgrüfterl in der Augustinerkirche, in der die Herzen fast aller Habsburgerkaiser in silbernen Behältern aufbewahrt sind (die Körper sind in der Kapuzinergruft bestattet), fand diese interessante Führung im historischen Augustinerkeller einen geselligen Abschluss.
Ein „Danke“ an unseren lieben Paul, dem profunden Kenner des historischen Wiens, der uns damit einen mystischen, mythischen und makaberen Nachmittag bescherte.

Gerhardt

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.